Die Chinesische Mauer – Ein Ort, den jeder gesehen haben sollte

Die Straßen Beijings sind noch leer und der Lärm der Stadt als solcher kaum wahrnehmbar, als uns noch vor Einbruch der Morgendämmerung unser chinesischer Bekannter abholt. Tatsächlich ist er zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Bekannter, sondern vielmehr eine Person, mit der wir am Vortag einige Male per WeChat hin und her geschrieben haben. Mit dem Allrad-betriebenen Auto seines Vaters geht es nun los, los in Richtung Abenteuer Chinesische Mauer!

Die Chinesische Mauer, die häufig auch als Große Mauer bezeichnet wird, ist eines der wohl bekanntesten und zugleich beeindruckendsten Bauwerke der Erde. Mit einer Gesamtlänge von mehr als 21.000 km ist sie zudem sowohl hinsichtlich des Volumens als auch der Masse das größte Bauwerk der Welt. Bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. begann man im kaiserlichen China mit dem Bau der Mauer, mit dem Ziel vor Augen, das chinesische Kaiserreich vor nomadischen Völkern zu schützen. Trotz ihrer gigantischen Ausmaße verfehlte die Mauer meistens ihr Ziel und stellte kein großes Hindernis für Angreifer dar. So überrannte die mongolische Armee die Mauer genauso wie die Mandschu. Im Verlaufe der Zeit und mit Anbruch des 19. Jdt. wurde die Mauer nutzlos, denn die Feinde kamen immer häufiger übers Meer. Deshalb geriet sie irgendwann in Vergessenheit und diente fortlaufend höchstens als Steinbruch. Obwohl die UNSECO die Mauer bereits 1987 zum Welterbe erklärte, ist sie erst seit dem Jahr 2006 offiziell geschützt. Im Jahr 2007 wurde sie dann im Rahmen einer Privatinitiative von 70 Millionen Menschen zu einem der „sieben neuen Weltwunder“ gekürt.*

Den Titel eines der sieben neuen Weltwunder zu sein hat sich die Mauer unserer Meinung nach redlich verdient. Nach einer etwa eineinhalb stündigen Autofahrt erreichen wir zwar immer noch nicht die Mauer, dafür aber den Punkt, an dem der Aufstieg beginnen soll. Im Vorfeld haben wir uns für das Mauerstück bei Jiankou entschieden, welches wir nun von der Südseite aus erklimmen wollen. Das Erklimmen der Mauer ist jedoch einfacher gesagt als getan. Der Aufstieg zu diesem Mauerstück ist nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich und sogar verboten. Da sowohl Zhengxing, unser chinesischer „Bekannter“, als auch mein Reiseführer jedoch dieses Stück empfehlen, lassen wir uns nicht Abhalten und beginnen mit dem Aufstieg.

Ich spüre förmlich die Energie und Motivation, die die frische Landluft und das zu erwartende Ziel in mir entfachen. Mit reichlich Proviant ausgestattet und voller Tatendrang begeben wir uns auf den Wanderweg, der schon nach kurzer Zeit immer schwerer auszumachen ist und noch nicht einmal mehr einem Trampelpfad gleicht. Schritt für Schritt und mit eisernem Willen gehen, nein vielmehr klettern wir in Richtung Mauer. Anstelle, dass wir nun aber die Mauer erblicken, stehen wir plötzlich inmitten eines Ackers. Dies veranlasst mich dann doch dazu meine zuvor abgespeicherte Karte einzusehen und zum Unmut aller festzustellen, dass wir während den vergangenen 30 Minuten einen völlig falschen Weg eingeschlagen haben. Inzwischen wieder auf dem richtigen Pfad angekommen, läuft Zhengxing, den ich mittlerweile als chinesischen Bekannten einstufen würde, schon der Schweiß die Stirn hinab. Doch mit jedem weiteren Höhenmeter ging es mir ähnlich, zumal die Passagen immer steiler, rutschiger und somit auch gefährlicher wurden.

Bereits zwei Tage zuvor hatten wir ein anderes Mauerstück besucht: Mutianyu. Dieses ist neben Badaling eines der bekanntesten Abschnitte der Chinesischen Mauer und unweit Beijing entfernt. Entgegen Jiankou ist Mutianyu jedoch ein Mauerstück, welches restauriert und touristisch gut erschlossen ist. Wahlweise können Touristen den Sessellift oder die Seilbahn nutzen, um zur Mauer zu gelangen. Im Anschluss geht es dann für die meisten Besucher mit einer Rodelbahn wieder zurück ins Tal, wo sie schon von den Reisebussen und Souvenir-Verkäufern erwartet werden. Aufgrund der gewaltigen Dimensionen der Mauer gibt es jedoch unzählige weitere, deutlich weniger populäre Orte, an denen sich die Mauer erklimmen lässt. Einige davon sind restauriert, die meisten jedoch sogenannte „wilde“ Abschnitte, die nur vereinzelt von abenteuerlustigen Touristen aufgesucht werden.

Doch erst das wilde Mauerstücke von Jiankou ist es, was bei uns diesen „Wow-Moment“ auslöst, als wir nach drei zähen Stunden endlich oben ankommen. Der Blick ist einfach unbeschreiblich und entschädigt für alle Mühen des Aufstiegs. Gemeinsam mit Zhengxing, den ich nun beinahe als Freund einstufen würde, lassen wir den Blick bis zum Horizont schweifen, an dem noch immer kein Ende der Mauer in Sicht ist. Und würde man bis zu diesem Punkt laufen und erneut den Horizont betrachten, so sähe man wohl immer noch die Mauer.

Den Moment, an dem ich zum ersten Mal die Mauer erblickte, werde ich wohl nie vergessen. Ohne meine Offline-Karten-App, die sich für jeden Touristen empfiehlt, der die Mauer in einem wilden Stück besteigen will, wäre der Aufstieg für uns wohl unmöglich gewesen, da es unzählige Abzweigungen und keinerlei Beschilderung gab. Oben angekommen, total erschöpft aber doch froh, dass wir durchgehalten haben, können wir dann endlich anfangen zu genießen: Wir haben es geschafft, wir sind auf einem der atemberaubendsten und beeindruckendsten Bauwerke der Welt!

Es ist genau dieses Mauerstück, das uns ein Gefühl für die bewegte Geschichte, für die Anstrengungen der Erbauer und für die gewaltigen Dimensionen der Mauer gibt. Unzählige Stunden lässt es sich auf ihr entlangwandern, entlangklettern oder auch einfach in Ruhe entlangschauen. Die Chinesische Mauer ist für mich ein Ort voller Magie, aber vor allem ein Ort, den jeder einmal gesehen haben sollte.

*Die genauen Kennzahlen der Chinesischen Mauer wurden von mir am 19.11.2017 auf der Wikipedia-Seite abgerufen.

Feuertopf – Eine Geschmacksexplosion mit Zukunft in Europa?

Was ist das, mag man sich als Durchschnitts-Europäer fragen. Feuertopf. Etwas, was indigene Völker zum Schmieden von Werkzeugen verwendet haben, vielleicht ein Teil der griechischen Mythologie oder doch nur irgendeine Marke mit kreativem Namen? In Wirklichkeit ist der Feuertopf ein Gaumenschmaus für nahezu jeden Chinesen.

Es ist mein zweiter Tag in Xi’an, wörtlich übersetzt die Stadt des westlichen Friedens, in der Provinz Shaanxi in Zentralchina. Es regnet in Strömen, die Straßen sind wie leergefegt und das Regenwasser sammelt sich in großen Pfützen quer über den Gehweg verteilt. Die Wolkendecke ist so dicht, dass die Sonne keine Chance hat zu uns durchzudringen. Dennoch begebe ich mich beeindruckt von den vielen historischen Stätten und dem überraschend ruhigem Tuen auf den Weg zu einem Restaurant, welches mir lange in Erinnerung bleiben wird. Vorbei an der Großen Wildganspagode (dem neben der Terrakotta-Armee Hauptwahrzeichen von Xi’an) und unzähligen kleinen Straßenhändlern, hinein in einen unscheinbar anmutenden Gebäudekomplex. Mit dem etwas marode aussehenden Aufzug, in dem noch die Holzlatten auf dem Boden liegen und die Wände mit Plastikfolien abgeklebt sind, geht es in die vierte Etage des Gebäudes. Die Türen öffnen sich: Da ist es endlich, das Feuertopf-Restaurant!

Feuertopf (Chinesisch 火锅, Pinyin Huǒguō) ist eine chinesische bzw. ostasiatische Spezialität. In einem Topf mit kochender Brühe lässt man seine zuvor bestellten Zutaten für mehrere Minuten kochen, bis diese gar sind. Häufig werden vor allem unterschiedliche Arten von Blattgemüse, verschiede Tofu-Arten sowie Pilze und Fleischstücke verwendet. Angeblich kommt der Feuertopf aus Chongqing, einer anderen chinesischen Megacity südlich von Xi’an. Dort soll das Gericht laut Überlieferung bereits im 5. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung zubereitet worden sein. Heutzutage ist es in unterschiedlichen Formen in ganz China und darüber hinaus in Ländern wie Korea und Japan verbreitet. In Shaanxi ist vor allem der Malaguo verbreitet, eine eher scharfe Variante des Feuertopfes, jedoch milder als die, die in Chongqing zu finden ist.

Wir nehmen Patz an einem großen, quadratischen, hölzernen Tisch. Die Bedienung bringt uns die Karte. Es ist aber keine gewöhnliche Speisekarte, sondern vielmehr eine Zutatenliste, auf der wir ankreuzen müssen, welche Beilagen wir möchten und welche Geschmacksrichtung sowie welchen Schärfegrad die Brühe haben soll. Wir bestellen verschiedenste Zutaten, angefangen bei Algen bis hin zu verschiedenen Tofu-Arten, lassen dabei aber Spezialitäten wie Innereien und getrocknetes Entenblut außen vor. Beim Schärfegrad des Feuertopfes entscheiden wir uns für die mittlere Variante, wobei wir zusätzlich eine nicht-scharfe Brühe bestellen. Bevor uns der Feuertopf mit den zwei Brühen gebracht wird, öffnen wir noch schnell die kleine Schublade, die sich unter der Tischplatte verbirgt. In dieser befindet sich eine Schürze, die man sich als Gast umlegt, um seine Kleidung vor den Spritzern des brodelnden Feuertopfes zu schützen. Auch wir legen uns die Schürzen um. Der Feuertopf wird serviert, wir fangen an zu essen und plötzlich ist er da, dieser „Wow-Moment“. Auch wenn der Feuertopf vom Aufbau her unserem Fondue ähnelt, hatte ich diesen Geschmack und diese Art des Essens zuvor noch nie erlebt. Die scharfe Brühe und das anschließende Eintunken in die vorab bereitgestellte Sesamsoße ergeben in Kombination eine wahre Geschmacksexplosion. Ich habe zwar schon viele leckere Dinge und verschiedenste Gerichte auf der ganzen Welt ausprobiert, dies ist aber auch für mich eine ganz neue Erfahrung.

Warum gibt es das nicht in Deutschland? Das frage ich mich auch noch häufig in den anschließenden Tagen. Meine Antwort: Ich weiß es nicht. Vielleicht ist einfach noch keiner auf die Idee gekommen diese Spezialität mit nach Europa zu bringen, vielleicht ist es für den Geschmacksinn der meisten Europäer auch zu exotisch. Ich finde auf jeden Fall, dass der Feuertopf ein faszinierendes Gericht ist, welches zum einen wahnsinnig lecker ist, aber auch eine gesellige Atmosphäre entstehen lässt. Feuertopf, für mich nicht nur ein einfaches Essen, sondern ein echtes Erlebnis, welches sich definitiv lohnt auszuprobieren.